Religiöse Kulturen im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts
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Dissertationsprojekt: Energetische Verheißungen. Wissenschaft und Weltanschauung in der "nervösen" Moderne, ca. 1880-1920

Das kollektive Krisenbewusstsein im Fin de Siècle äußerte sich in einer Dialektik aus kulturpessimistischen Niedergangsprognosen und einer ungetrübten Fortschrittseuphorie. Während die aufstrebenden Naturwissenschaften Antworten auf anthropologische Grundfragen lieferten, begann das Deutungsmonopol der Großkirchen allmählich zu erodieren. Kristallisationspunkte des rasanten technischen, wissenschaftlichen und sozio-kulturellen Wandels um 1900 waren sowohl eine allseits wahrgenommene Nervosität ("Neurasthenie"), als auch eine Suche nach neuen Sinnangeboten.

Die von dem Chemiker Wilhelm Ostwald (1853-1932) begründete Energetik – eine monistisch-naturwissenschaftliche Weltanschauung – schien seismographisch auf das "nervöse Zeitalter" (Joachim Radkau) zu reagieren: Als Präsident des deutschen Monistenbundes machte Ostwald seine Weltanschauung publik und formulierte eine neue Ethik gemäß dem Imperativ: "Vergeude keine Energie, nutze sie!". Ebenso nutze er transnationale Kontakte zu Gleichgesinnten, um für eine Wirtschafts- und Sozialreform auf energetischer Basis einzutreten. Ausgangsthese ist, dass das energetische Denken mit seiner Forderung nach Energieschonung und Effizienzoptimierung als eine Reaktion auf eine "nervöse" Modernitätserfahrung aufzufassen ist; zugleich manifestiert sich in der Energetik eine Wechselwirkung religiöser und wissenschaftlicher Deutungskulturen. Ostwald und andere Monisten rekurrierten strategisch auf eine christliche Symbolsprache und nutzten religiöse Unterweisungsformen und Praktiken, um ihre szientistische, dezidiert anti-religiöse Weltanschauung zu propagieren. So verfasste Ostwald "Monistische Sonntagspredigten", in denen er seine energetischen Gedanken ausbreitete.

Das an der Schnittstelle von Wissenschafts-, Körper- und Mentalitätsgeschichte angesiedelte Projekt geht drei Fragenkomplexen nach: (1) Wie der urbane und wissenschaftliche Kontext von Leipzig zur Genese der Ostwald’schen Energetik um 1900 beitrug, (2) inwiefern sich die Energetik in medizinische, technische wie arbeitsökonomische Diskurse verorten lässt und (3) inwiefern sich christliche Deutungstraditionen in ihr verstetigten.