Religiöse Kulturen im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts
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Tagungsbericht

Religiöse Vielfalt auf dem Land.
Das östliche Europa im 19. Jahrhundert

München, 22.06.2012-23.06.2012

Wie beeinflusst religiöse Vielfalt die Überzeugungen und Praktiken religiösen Alltagslebens? Und was charakterisiert soziales Leben auf dem Dorf? – Ein Workshop des IGK „Religiöse Kulturen“ in München führte beide Fragenkomplexe zusammen und bearbeitete sie anhand ganz unterschiedlicher Regionen des östlichen Europas im 19. Jahrhundert. Dabei kamen nicht nur die spezifischen religiösen Vorstellungen und Praktiken in multireligiösen dörflichen Gemeinden und Regionen in Betracht, sondern auch die funktionalen Wandlungsprozesse im Zuge der Modernisierung und Nationalisierung des ländlichen Raumes.

In ihrer Eröffnung äußerten HEINER GRUNERT und HEIKO SCHMIDT (beide München) die Beobachtung aus ihren Forschungen, dass Gläubige gerade im Kontakt mit anderen konfessionellen Gemeinschaften die Formen und Inhalte der eigenen Religion reflektierten und klarer definierten.  In der Wahrnehmung von Unterschieden in den Riten und Lehren liege daher ein Teil des Wissens über die praktischen und theoretischen Normen der eigenen Gruppe. Die Organisatoren fragten, unter welchen Umständen und auf welche Weise die unausweichlichen Vis-à-vis-Beziehungen auf dem Dorf, wie soziales Leben, das durch ein „Sich-Kennen und Sich-Kontrollieren“  geprägt ist, wie Verwandtschafts- und Nachbarschaftsverhältnisse im Umfeld unterschiedlicher Religionen einerseits zu unbewussten Übernahmen religiöser Vorstellungen und Praktiken, andererseits zu bewussten Abgrenzungen der eigenen Konfessionsgruppe von anderen führen konnten.nach oben

In weiten Teilen des östlichen Europas hätten sich im 19. Jahrhundert die Bezugsgrößen kollektiver Zugehörigkeit gewandelt. Die Bedeutung der Zugehörigkeit zu Religion, Beruf und Stand, Geschlecht, Sprache und Kultur sei neu gewichtet und zu einem Konzept von Nation verdichtet worden. Religion habe damit für die Akteure wahlweise zum „Zünglein an der Waage“ oder aber zum „alten Zopf“ werden können. Im Anschluss an diese einführenden Bemerkungen bekundeten die Organisatoren für den Workshop ihr Interesse an der Frage, wie auf dem Dorf im Kontext der Nationalisierungspolitik konkret-alltagspraktisch mit Multireligiosität und der damit verbundenen permanenten Infragestellung nationalreligiöser Grenzziehungen umgegangen worden ist.

TOBIAS DIETRICH (Trier), dessen Dissertation einen wichtigen thematischen Orientierungspunkt des Workshops darstellte , eröffnete die Tagung mit Thesen zur vergleichenden Mikrogeschichte religiösen Alltagslebens. Er stellte grundlegende Herangehensweisen und Ergebnisse seiner Forschungsarbeit zu Simultangemeinden im westlichen Europa vor und warb überzeugend für eine kreative und intensive Auseinandersetzung mit kirchlichen Quellen, so lückenhaft sie auch sein mögen. So sollten historische Sozialforscher sich bemühen, die „Milieus mit Empirie zu füllen“ und beispielsweise Priester auf ihre Rolle als Milieumanager und Agenten von Kulturtransfer hin zu untersuchen. In der im 19. Jahrhundert forcierten Standardisierung religiöser Alltagswelten der Dorfbevölkerung sah Dietrich eine von Seiten der Amtskirche betriebene „Zivilisierung der Religion“. Kontrovers wurde Dietrichs Ansatz diskutiert, Religion „in die Quellen hineinzulesen“, etwa indem er anhand von Listen aus Bevölkerungszählungen die Konfessionszugehörigkeit an einer Wirtshausschlägerei Beteiligter rekonstruierte und daraus Schlüsse bezüglich des interkonfessionellen Zusammenlebens zog.nach oben

Am Beispiel zweier politisch und sozial aktiver Frauen aus dem dörflichen Kontext in Galizien thematisierte DIETLIND HÜCHTKER (Leipzig) das Verhältnis von Politik, Religion und Modernisierung auf dem Dorf. Hatte Dietrich noch davon gesprochen, dörfliche Religionsgeschichte sei ausgehend von den Quellen beinahe ausschließlich Männergeschichte, durchleuchtete Hüchtker den Konnex von Sozialpolitik, Nation und Religion auf dem Dorf anhand der beiden galizischen Aktivistinnen Natalija Kobryns’ka (1855-1920) und Maria Wysłouchowa (1858-1905) und ihrer Schriften. Beiden Frauen habe die sozialpolitische und moralische Hebung des Lebens auf dem Dorf am Herzen gelegen. Hüchtker konstatierte dabei wie Dietrich, dass Akteure von Modernisierung und Nationalisierung die Zivilisierung des Dorfes zum Ziel hatten. Eine zentrale Rolle dabei habe die Bildung gespielt, da die Lesefähigkeit Voraussetzung für den Zugang zu neuen Ressourcen wie aufklärerischen Zeitschriften gewesen sei. Bei den vielfältigen Versuchen, die Religion in die auf den ländlichen Raum übertragenen Ordnungsstrukturen bürgerlicher Gesellschaft einzupassen, sei vor allem die Kirche als fortschrittshemmend identifiziert worden.

Ausgehend von einem literaturwissenschaftlichen Ansatz betrachtete LYUBOMYR BORAKOVKSYY (Wien) die Figur des Dorfpfarrers und deren Stellung und Funktion in den literarischen Texten der galizischen Schriftsteller Osyp Makovej, Jan Zacharyasiewicz und Karl Emil Franzos. In den Werken der drei Autoren seien Konflikte zwischen jungen und alten Priestergenerationen, zwischen Tradition und Moderne, ethnokonfessionelle Konflikte und die Bewertung unkanonischer religiöser Praktiken und Vorstellungen behandelt und dabei Innen- und Außenperspektiven auf die Glaubensgemeinschaften eingenommen worden, weshalb sich die Geschichten als Einblick in das soziale Gefüge auf dem Dorf eigneten. Es ist naheliegend, dass sich die Diskussion des Beitrages von Borakovksyy vor allem auf die historische Verwertbarkeit literarischer Quellen bezog. Er verteidigte sich mit dem Argument, dass literarische Zuspitzung sowie intentionale und künstlerische Darstellung sozialer Wirklichkeit Aufschlüsse über die Diskurse der Entstehungszeit gäben und daher auch die Kristallisationspunkte interreligiösen Lebens verdeutlichten.nach oben

PAVLO YEREMIEIEV (Charkiv) sprach in seinem Vortrag über die Geheimhaltung des eigenen Glaubensbekenntnisses russischer Altgläubiger als Anpassungs- und Schutzstrategie gegenüber staatlicher Repression. Mithilfe statistischer Angaben und Berechnungen stellte Yeremieiev fest, dass der Anteil der Altgläubigen an der Gesamtbevölkerung in den 1840er- und 1850er-Jahren zwar konstant geblieben sei, die Zahl der Altgläubigen, die sich offiziell als Orthodoxe ausgaben, jedoch gegenüber denjenigen, die sich auch als Altgläubige registrieren ließen, zugenommen habe. Dabei sei in den ländlichen Gebieten der von Yeremieiev untersuchten Provinz Char’kov auf die Strategie der Geheimhaltung weniger oft zurück gegriffen worden als in den Städten, da erstere weniger stark durchherrscht gewesen seien und größeren Raum für Aushandlungen mit lokalen staatlichen Autoritäten zugelassen hätten. Wie die Altgläubigen die Verleugnung ihrer religiösen Überzeugungen theologisch rechtfertigten und welche ökonomischen und sozialen Hintergründe diese Geheimhaltung motiviert haben könnten, ließ der Vortrag leider offen.

JÁNOS UGRAI (Miskolc) untersuchte in seinem Beitrag unterschiedliche Konfliktbereiche zwischen Katholiken und Protestanten in sechs Komitaten Nord-Ost-Ungarns im Zeitraum von 1781 bis 1848. Obwohl auch nach dem Toleranzpatent Josefs II. die Katholiken, die die untersuchte Region seit der Gegenreformation überwiegend prägten, im Habsburgischen Reich die gesetzlich bevorzugte Konfession blieben, hätten die lokalen Kräfteverhältnisse die Privilegierung der Katholiken zugunsten der Protestanten immerhin aufweichen können. Neben Konflikten habe es aber beispielsweise im Bildungswesen auch vielfältige Kooperationen über konfessionelle Gegensätze hinweg gegeben, wie anhand konfessionell gemischt besuchter Schulen deutlich wurde. Unklar blieb, wie sich das Fehlen eines städtischen Zentrums in der untersuchten Region, die sprachlichen Unterschiede zwischen Protestanten und Katholiken sowie die ethnischen Gegensätze in dieser Region auf das multireligiöse Zusammenleben auswirkten.nach oben

HEINER GRUNERT (München) betrachtete den Wandel interreligiösen dörflichen Zusammenlebens vor dem Hintergrund wechselnder staatlicher Gewalten. Anhand zweier lokaler Konfliktfälle in der östlichen Herzegowina, die in den ersten Jahrzehnten österreichisch-ungarischer Verwaltung Bosnien-Herzegowinas stattfanden, beschrieb er den Verlauf und die Umstände deutlicher Spannungen zwischen Glaubensgemeinschaften. Bildreich verdeutlichte er den Streit zwischen Katholiken und Serbisch-Orthodoxen um einen Friedhof im Bergland bei Nevesinje und die mehrjährige Auseinandersetzung zwischen beiden Gruppen um eine Kirchenruine in Zavala. Der Wandel interreligiösen Zusammenlebens war nach Grunerts Analyse zum einen durch den Herrschaftswechsel bedingt, der die Wahrnehmung kollektiver Bedrohung und Unsicherheit gegenüber andersgläubigen Nachbarn und dem neuen Staat verstärkte. Zum anderen habe der moderne ordnende Anspruch sowohl des Staates als auch der neu geschaffenen Kircheninstitutionen die räumliche und thematische Ausweitung des lokalen Konflikts befördert, sodass sich schließlich der Finanzminister in Wien mit einem kleinen Provinzfriedhof beschäftigen musste.

Um die Frage nach dem Verhältnis religiöser, ethnischer und sozialer Grenzziehungen in der dörflich-kleinstädtischen Lebenswelt ging es in URSULA MINDLERs (Budapest/Graz) Untersuchung des burgenländischen Ortes Oberwart. Der Großteil der untersuchten Konflikte, die sich in dem von Katholiken, reformierten und lutherischen Protestanten sowie Juden bewohnten Ort zugetragen haben, habe nicht zwischen Anhängern unterschiedlicher Religionen stattgefunden, sondern zwischen Alteingesessenen und Zugereisten sowie deutsch- und ungarischsprachigen Bewohnern. Besonders die lokale Presse habe es vermieden, aufkommende Konflikte als religiöse zu bezeichnen, auch wenn sich deren Existenz beispielsweise angesichts stattgefundener antisemitischer Ausschreitungen kaum bestreiten ließ. Der Vortrag brachte die Frage auf, inwieweit die Habsburger Zentralgewalt konfessionell bestimmte Konflikte verschärfte, gerade indem sie den Beziehungen zwischen den Religionsgemeinschaften verbindliche Regeln auferlegte.nach oben

KLAUS BUCHENAU (Berlin / München) fragte in seinem Vortrag über Massenkonversionen von Bauern in der Karpatenukraine der Zwischenkriegszeit, welche Motive den Übertritt von der unierten zur orthodoxen Kirche bewegt haben könnten. Während Missionare beider Kirchen versucht hätten, dem Konflikt einen religiösen Sinn zu unterlegen, hätten die Bauern sich in den meisten Fällen nach weitgehend pragmatischen Erwägungen für diejenige Konfession entschieden, die einen sympathischeren Priester schicken konnte oder geringere Abgaben forderte – also Vorzüge nichtreligiöser Art zu bieten hatte. Ein blinder Fleck in den Quellen blieben hingegen meist die handlungsleitenden religiösen Bedürfnisse der bäuerlichen Bevölkerung. Buchenaus Zugang verdeutlichte anschaulich die bereits in der Diskussion zu Dietrichs Vortrag angesprochene Gefahr, Religiöses in Konflikte hineinzulesen und dabei profanere Motive aus den Augen zu verlieren.

Während des Workshops und in der Abschlussdiskussion spielte nur noch eines der beiden von den Organisatoren definierten Untersuchungsfelder eine Rolle: die sich wandelnden Kollektivkonstruktionen und die Rolle von Religion. Spezifische religiöse Vorstellungen und Praktiken in direkter Nachbarschaft anderer Glaubenssysteme sind allerdings historisch schwer fassbar, zumal in häufig gering alphabetisierten ländlichen Regionen. Größeres Augenmerk fiel deshalb in der Diskussion auf die Faktoren für den Wandel interreligiösen Miteinanders und Nebeneinanders. Dabei wurde auf die Gefahr hingewiesen, anhand von Quellen kirchlicher und staatlicher Provenienz eine zu konflikthafte Geschichte zu schreiben, da interkonfessionelles Alltagsleben meist nur in Fällen von Konflikten oder Normverletzungen Niederschlag in den Akten fand. Andererseits merkten Teilnehmer an, dass in diesen Konfliktquellen häufig auch eine Beschreibung der angeblich idyllischen Eintracht vor der Auseinandersetzung als narratives Mittel mittradiert wurde. Viele Bereiche des Alltagslebens wie Arbeitswelt oder Schul- und Vereinswesen waren genauso oft Orte kooperativen Handelns zwischen den Angehörigen verschiedener Glaubensgemeinschaften wie solche der offenen Konfrontation. Entscheidend für die Skandalisierung und die gewalttätige Austragung von Konflikten waren situative, personelle und oft genug auch von außen kommende Einflüsse. Wichtig war dabei, ob das Handeln und Sprechen des religiösen Gegenübers als Provokation für das Eigene gedeutet wurde. In diesem Zusammenhang zeigt sich die Rolle konkreten Wissens über den Anderen in der Nahbeziehung des dörflichen Kontextes. Waren die Sozialpartner an einem einträglichen Miteinander interessiert, wussten sie genau, welche Themen wie kommuniziert oder beschwiegen werden mussten und welche Handlungen an welchen Orten und Zeiten wie abzulaufen oder zu unterbleiben hatten. Gerade auch dies verweist auf die hohe Abhängigkeit interreligiösen Miteinanders von spezifischen Situationen und Personen, vom Grad wahrgenommener Bedrohung und Provokation und von äußeren Einflüssen aus Wirtschaft, Politik und Kultur auf das Dorf.nach oben

In dieser Hinsicht meinte Buchenau, auch im Hinblick auf Dietrichs Beitrag, dass den vielfältigen Bezügen zwischen Dorf und städtischem Zentrum und deren Bedeutung für die Integration/Desintegration der Bevölkerung im Dorf größere Aufmerksamkeit geschenkt werden müsste. Hüchtker hatte in ihrem Vortrag deutlich machen können, dass es Bestrebungen gab, die veränderten Sozialbeziehungen der städtischen Lebenswelt auch auf das ländliche Umfeld zu übertragen, wobei derartige Versuche höchst eigensinnig angeeignet werden konnten.

Im östlichen Europa prägten die Imperien der Habsburger, Romanovs und Osmanen die Beziehungen der unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften auch im lokalen ländlichen Kontext. Imperien besaßen Erfahrung in der Regelung von religiöser Diversität, ohne dabei die Vorrangstellung einer herrschenden Religion in Frage zu stellen. Auch nach der weitreichenden Gleichstellung der Religionsgemeinschaften in den Reichen der Habsburger und Osmanen im 19. Jahrhundert blieben jeweils die historischen und zeitgenössischen Wahrnehmungen von Unter- und Überordnung der unterschiedlichen religiös festgelegten Gemeinschaften in der Gesellschaft entscheidend für das konkrete Miteinander. Von besonderer Wichtigkeit für das lokale Miteinander und kaum zu überschätzen war die Rolle religiöser Experten. Abgesehen von verschiedenen Rollen in den Glaubensgemeinschaften, von ganz unterschiedlichen Bildungswegen, Stellungen und Verdienstgrundlagen in den Dorfgemeinschaften blieb deren Rolle als – wie Dietrich sagte – Milieaumanager über die diversen Wandlungsprozesse hinweg bestehen.nach oben

Mit neu aufgeworfenen Fragen und vielen Annäherungen an die Realität des religiösen Lebens auf dem Dorf im 19. Jahrhundert endete der Workshop äußerst bereichernd. Es bleibt zu hoffen, dass die zutage getretenen Problemfelder weiteren Nachdenkens unterworfen werden und dies nicht die letzte Tagung zu jenen scheinbar entlegenen und peripheren religiösen Räumen gewesen ist.

Philipp Lenhard

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